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Bald nach dem Krieg wieder jeck

Nach dem Krieg lief der Karneval begreiflicherweise nur zaghaft wieder an. Die halbe Stadt lag bei der Kapitulation 1945 in Trümmern, fast 6000 Menschen waren im Bomben- und Granathagel umgekommen. Mit ständig knurrendem Magen, lädiertem Dach über dem Kopf und vor Kälte bibbernden Gliedern ließ sich schlecht feiern. Und den Durst, der nun ja mal zum Karneval gehört konnte man allenfalls mit „Stabi", einem Dünnbier, an das ältere Semester nur mit Schaudern zurückdenken, vertreiben. Wahre Karnevalisten aber lassen sich, wie die Geschichte zeigt, durch nichts und niemanden unterkriegen. Einige kamen relativ früh zusammen, um zu beraten, wie aus dem närrischen Dilemma herauszukommen sei. (der Krieg hatte auch die Reihen der Aktiven stark gelichtet)
Als erste trafen sich bereits am 11. November 1945 die Reste der Spiesratze am Staufenplatz. Im folgen den Jahr versuchten dann ein paar Top-Karnevalisten, nachdem die Funken Rot-Wiss schon im Januar zaghaft an die Sitzungstradition angeknüpft hatten, die Weichen für die jecke Zukunft zu stellen - im Oktober wurde der Karnevalsausschuß der Stadt Düsseldorf wiederbelebt. Inmitten der Trümmer sammelte der Präsident des „Allgemeinen Vereins', Peter Bove, einige Männer um sich und machte ihnen klar, dass das Leben weitergehe und es sinnlos sei, den Kopf in den Sand zu stecken. Seine Devise: lieber die notleidendc Bevölkerung durch Karnevalistisches aufzuheitern und sie durch ein bißchen Spass an der Freud' den düstergrauen Alltag vergessen zu lassen, als untätig herumzusitzen. So dachten auch andere Düsseldorfer, und bald stiegen in trüber Notzeit die ersten jecken Veranstaltungen. Da 1947 für eine erste große närrische Sitzung kein Saal aufzutreiben war, mieteten die Karnevalisten das


Bürgerwehr am Rosenmontag 1949: Man har wieder gut lachen. Zum Hoppedih-Elwachen 1949: Mitglieder des Kamevatsauschumes bei Oberbürgermeister Josef Gockeln. erwärmte Winterzelt des Circus Williams an der Erkrather Straße. Den spektakulären Auftakt im Februar ließen sich auch Oberbürgermeister Karl Arnold, Oberstadtdirektor


Dr. Walther ticnsel und viele Offiziere der britischen Besatzungsmacht nicht entgehen, darunter Stadtkommandant Cyril W. Barker, der in einem der folgenden Jahre, nunmehr Verbindungsoffizier der Rheinarmee, bei einer Klinzing-Plaketten-Verleihung durch die „Mostertpüttches" an einen seiner Düsseldorfer Freunde karnevalsbegeistert ausrief: „Auck ick bin eine Mostertpöttkel"



Für den Abend im Zirkuszelt war eigens ein Prinzenpaar gekürt worden, das vor aller Augen auf einen indischen Elefanten gehievt wurde. In die Rolle schlüpfte mit Paul-Helmut Schüßler ein bekannter und beliebter Operettenregisseur und Sänger, der mit der blondgelockten Ilse eine hübsche Venetia an sehne Seite holte. Die Sitzung fand ein so großes Echo, daß sie acht Tage später wiederholt werden mußte. Bei den beiden Veranstaltungen kamen, von der Direktion Williams großzügig aufgerundet, über 50 000 Reichsmark zusammen, die der Stadt zur Unterstützung besonders stark Notleidender überwiesen wurden.
Auch andernorts in Düsseldorf regte sich das Karnevalsvirus. Für die Session 1947/48 avisierten zum Beispiel die Uzbrüder schon wieder fünf Sitzungen. Der „Allgemeine Verein" lud 1948 zu seiner ersten Nachkriegssitzung in die Maschinenhalle an der Fischerstraße. Der Betonboden, wird erzählt, sei damals derart staubig gewesen, daß die Besucher wie mit Zuckerguß bespritzte Weckmänner ausgesehen hätten.
Der Eintritt zu den alles in allem bescheidenen Fastnachtsfreuden wurde in jenen Tagen, da es kaum etwas zu heizen gab, oft mit ein paar Briketts bezahlt; innerlich wärmte man sich mit „Knolly-Brandy" auf, einem selbstgebranntem Schnaps, den man für ein paar hundert Reichsmark auf dem Schwarzen Markt erstanden hatte -eine nicht ganz ungefährliche Sache: Es ist niemals nachgeforscht worden, so Oberstadtdirektor Hensel in seinen Memoiren, wie viele Menschen an diesem „Zeugs" gestorben sind. --- 1946 gab es bereits auch wieder - mit Peter Heßler als Peter I. und seiner Frau Ruth als Venetia - das erste reguläre Nachkriegs-Prinzenpaar,aber es hatte noch keine großen Ver- pflichtungen: Es fehlte ein Motto und zog kein Rosenmontagszug. In den nächsten beiden Sessionen mußten die Tollitäten ebenfalls ohne „Zoch" auskommen. In der (inoffiziellen) Devise von 1947 - „Alles Zirkus' - drückte sich die ganze Einstellung der Bevölkerung aus. Trotzig wurde der Karnevalsschlager mitgesungen: „Wir lassen uns nicht unterkriegen!" „Mir sind widder do" hieß die jecke Devise 1948 dann schon sehr viel optimistischer; der Hunger nach Karneval war nach den entbehrungsreichen Jahren immer größer geworden. Unter dem Titel „Närrische Parade" knüpfte der erste Rosenmontagszug 1949 an die Fastnachtssonntage der Vorkriegszeit an. Ältere Düsseldorfer erinnern sich mit Vergnügen an das bunte Treiben vor der zerstörten Kunsthalle auf dem Hindenburgwall, heute HeinrichHeine-Allee. Daß bei der offiziellen Neukonstituierung des Karnevalsausschusses 1948 Albert Kanehl an die Spitze rückte, mag in einigen Kreisen verwundert haben: Er als ehemaliger überzeugter Parteigenosse trat in die Fußstapfen von Leo Statz, den die Nazis umgebracht hatten. „Zweifellos werden Bedenken gegen die Wahl Kanehls vorhanden gewesen sein", vermutet Frank Wintgen in seiner Dissertation „Mit der Vergangenheit leben - Feste und Feiern in Düsseldorf 1945-1955". Sie seien jedoch angesichts seiner unbestrittenen rhetorischen und organisatorischen Talente schnell beiseite geräumt worden. „Um den Düsseldorfer Karneval bald wieder an seine ruhmreiche Tradition anknüpfen und nicht länger ein Schattendasein führen zu lassen, verzichtete man auf eine eingehende Erörterung Kanehls ehemaliger politischer Überzeugungen." Kanehl, der sein Amt als Schützenchef hatte abgeben müssen, brachte den Karneval in seiner sechsjährigen Amtszeit tatsächlich wieder gchörig in Schwung - er war von Vaters Seite her ohnehin närrisch „vorbelastet" - und wurde für sein Engagement reichlich und hoch geehrt.


Bis 1957 waren immerhin schon wieder 42 Gesellschaften im Karnevalsausschuß „onger ene Hot" gebracht. Manche jedoch erwiesen sich nicht als lebensfähig. Dafür versuchten andere, neue Vereine ihr närrisches Glück- teils mit beachtlichem Erfolg. Das ist bis heute so geblieben.