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Rosenmontagszug von 1900

Große Weltausstellung


Hoppeditz und Stadtwappen: Schon der Titel des Zugprogramms von 1900 war liebevoll gestaltet
Hoppeditz und Stadtwappen: Schon der Titel des Zugprogramms von 1900 war liebevoll gestaltet

Erhalten sind erfreulicherweise die Programme einiger Rosenmontagszüge aus kaiserlichen Zeiten. Von Künstlern hübsch illustriert, vermitteln sie einen gediegenen Eindruck vom künstlerischen Einschlag der damaligen "Zoch". "Grosse Weltausstellung" war das Motto des närrischen Höhepunkts von 1900, der das große Industrie-, Gewerbe- und Kunstspektakel von 1902 vorweg parodierte. Da läßt der Maler Joh. Gehrts, dem eine Reihe Düsseldorfer Künstler mit Skizzen und Entwürfen hilfreich zur Seite stand, prunkvoll amüsante Wagen Revue passieren. Wenn man sich auch mit dem, wie dort veralbert wird, nicht immer identifizieren mag - den Pfiff von damals könnte auch mancher heutige Zugwagen vertragen. In bunten Illustrationen werden da vor allem die sogenannten Fortschritte der Zivilisation karikiert.

Lassen wir hier den Berichterstatter des "General-Anzeigers für Düsseldorf und Umgegend" seine Ein drücke schildern. Ganz abgesehen davon, daß der bilderlose Bericht einspaltig rechts unten in der Ecke der ersten Seite des Lokalteils begann - heute undenkbar, aber damals selbst bei großen Ereignissen gang und gäbe -, beschränkt er sich auf das "Bemerkenswertheste"; zur Beschreibung "all der größeren und kleineren Wagen und Gruppen" hätte er "ganzer Seiten benüthigt". "Da rollt ein Wagen heran, den das Programm als ,Handel und Industrie' bezeichnet. Vorn thront Merkur, der Gott der Kaufleute und Diebe, aut einem in einem Abzahlungsgeschäft erstandenen Fahrrad. Hinter ihm die behelmte Athene, die erfinderische, flankirt von riesigen Zahnrädern. Schmiede und andere Handwerker üben eifrig ihren Beruf aus. Zur Blüthc von Handel und Industrie gehören Bergbau und Hüttenwesen'. Das schließt sich an. Actuell, wie die Künstler sein wollten, haben sie eine transvaal'sche Goldgrube dargestellt. Gold gleißt aus den Klüften, und John Bull langt mit langen Fingern danach, jedoch bedeuten ihm drohende Flintenläufe, hinter denen bärtige Burengesichter auftauchen, daß er die Finger von der Butter zu lassen habe. Hinterher wird Lady Schmitz gefahren, ein gebrochenes Frauenzimmer in einem gut verwahrten Käfig. Auf der Ausstellung 1902 soll bekanntlich ein Panorama ,Blücher's Übergang über den Rhein bei Caub' gezeigt werden. Wir sehen es hier bereits. Papa Blücher reitet einher, hinter ihm drein marschieren dröhnenden Schrittes die Colonnen der Bürgerwehr, verstärkt durch reitende Artillerie. Um trocken über den Strom zu kommen, führen sie ein Boot mit sich; auch ihre Zukunft liegt auf dem Wasser." Der nächste Wagen, geht das Staunen weiter, "verkörpert die,Moderne Möbelindustrie': eine schon vielbesprochene Schlafzimmereinrichtung, der Hauptgewinn der Düsseldorfer Kochkunstausstellung.

,Zukunftsmusik' wiegt die Schläfer in Schlummer, vielleicht auch nicht. Die ,Nahrungs- und Genußmittelbranche' hat Gott Bacchus als Vertreter entsandt. Er hat seine Repräsentationspflicht schmählich vergessen, mit weinseligen Aeuglein blinzelt er seine Begleitung an. Wissenschaftliche Instrumente aus der Froschperspective' reihen sich an. Unter mächtige Fernrohre bedienenden Astrologen finden wir da auch Professor Falb, der einen Laubfrosch poussirt. Das ,Bau- und Ingenieurwesen' illustrirt ein Düsseldorfer Bauplatz mit Idealwohnung, gestiftet von der Stadt Düsseldorf als erster Hauptgewinn. Es folgen die Wohlfahrts-Einrichtungen und Gesundheitspflege', Bart- und Leibbinde, Volksbad, Schaukel-, Moor-, Sitz-, Spritz- und sonstige Bäder (,man badet warm, elektrisch und kalt'). Unmittelbar anschließend zieht Göttin Flora im Hofgarten (fiscalischer Theil)' vorbei. Ein allerliebstes Arrangement; ein Meer von Blüthen schmückt das Boskett, in dessen Mitte die Holdselige hingegossen liegt. Im Rahmen eines Ausstellungsunternehmens darf die leichtgeschürzte Muse natürlich nicht fehlen. Eine feucht-fröhliche Gesellschaft lacht das Publikum an, aus ihren Gesichtern spricht eine dividendenreiche Hoffnung, und golden Mephisto leistet sich in seiner Freude die complicirteste Verrenkung. Und nachdem wir noch den Präsidenten und Vicepräsidenten des Allgemeinen Vereins haben passieren sehen, naht die Seele des Ganzen, Prinz Carneval, Heinrich II., und Prinzessin Venetia. Einen Regen von Blumen und Confetti läßt Se. Tollität herniedergehen, und zum Lohne schallen begeisterte Zurufe zu ihm empor, wird ihm von den jungen Damen, welche die Balkone und Fenster garniren, das süßeste Lächeln gespendet..."

Trotz aller Begeisterung war mancher Schaulustige nicht ganz zufrieden mit dem Zug. Die Schuld dürfe nicht dem Zug-Comitee gegeben werden, „dieses that zweifelsohne", so der Berichterstatter, „was in seinen Kräften lag, und was die Mittel, die ihm zur Verfügung standen, gestatteten. Manche Nummern konnten aus Geldmangel nicht ausgeführt werden, darunter einige, von denen man sich die beste Wirkung hatte versprechen dürfen, der ,Pudel auf der ägyptischen Rheinbrücke', das ,Maschinenunwesen' und Anderes. Das beeinträchtigte das Gesammtbild natürlich nicht unwesentlich. Greife man künftiges Jahr", lautete die Aufforderung, „etwas tiefer in den Geldbeutel". Den ausführenden Künstlern jedenfalls müsse „alle Anerkennung gezollt werden". Und das war eine stattliche Reihe: Mitgemacht hatten „die Herren Wolter, Frenz, Goossens, Kohlschein, Schmurr, Modersohn, Meyer, Angermeyer, Beyer, Bolkers, Brandenburg, Seuffert, C.M. Seyppel und Bauer".