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Tonnengarde

Tonnengarde Niederkassel
Am Anfang stand Ruchbares...

Welcher Verein kann schon von sich behaupten, daß alles, was er heute darstellt, buchstäblich auf dem eigenen Mist gewachsen ist? Tatsächlich ist es so, daß die Geschichte der Tonnengarde Niederkassel eben auf diesem Ursprung beruht, und es ist eben auch noch eine recht flüssige Geschichte, die nur dem stinken kann, dem der Sinn für Humor und das Urwüchsige abhanden gekommen ist.

Die Tonnengarde nahm ihren Anfang in der Karnevalszeit 1887, als dem Niederkasseler Bauern Karl Dancrs vom damaligen „Käshot" - der ein stets zu Späßen aufgelegter Mensch gewesen sein muß - beim abendlichen Bier einfiel, daß er die jungen Bauernburschen einmal auf Trab bringen müßte. Jedenfalls zog dieser Dancrs Karl drei große Taler (heute etwa 15 Mark) aus seinem Hosensack und versprach demjenigen, der mit der Schörskar durch das Dorf jagt, ohne daß die Tonne kippt, und als erster am Ziel ist, das Geld als Siegprämic. Dem Hörensagen nach war dann am Tag des Rennens nicht nur die Jugend am Start, sondern es warteten am Wegesrand gestandene Altbauern und Ureinwohner des Dorfes, um das Schauspiel mitzuerleben. Ob bei den damaligen Rennen die Tonnen gefüllt oder leer waren, ist unbekannt.

Der Sieger des ersten Rennens war jedenfalls der Vossens Wilhelm, und die Siegprämie wurde im Kreis der Mitstreiter und Beteiligten anschließend „flüssig" gemacht. Es gab schon vorher in Niederkassel jede Menge Jux und Dollcrei. So berichtete die „Neusser Zeitung - Kreis-, Handels- und Intelligenzblatt" in der Karnevalsausgabe von 1880: „Am Montag dieser Woche wurde, wie in jedem Jahr, der Wurstmontag gefeiert. Die Feier bestand darin, daß eine Rotte junger Leute in Fastnachtskostümen durch das Dorf zog und vor jedem Hause auf allerlei primitiven Instrumenten eine Katzenmusik anstimmte und dafür Abgaben an Wurst, Eiern und Geld forderte.

Die gesammelten Abgaben wurden anschließend gemeinsam verzehrt respektive verjubelt." Dafür, daß die karnevalistische Variante des Drei-Taler-Tonnenrennens nicht in Vergessenheit geriet, sorgte ein Siegervater, der dortbekannte „Kocks-Wellem'• und beliebte Oberst der Niederkasseler Schützen, der bei den Bonner Husaren gedient hatte und deswegen auch der „Noltesse-Offizier" genannt wurde. Er war derjenige, der das Tonnenrennen organisatorisch in die Hand nahm und somit als der eigentliche Gründer desTonnenrennens angesehen werden muß.

Wie für viele überlieferte Geschichten gibt es natürlich weder eine Niederschrift über eine Gründungs versammlung noch über weitere Histörchen bis zur Jahrhundertwende. Dank der Erinnerung verdienter damaliger Niederkasseler Mitbürger, wie Beier, Vossen und Meuser, wissen wir, das sich das Tonnenrennen in niederrheinischen Landen und auch jenseits des Rheins derart herumsprach, daß sich alljährlich am Karnevalssonntag ein närrischer Pilgerzug in Richtung Niederkassel auf den Weg machte, um zuzusehen, anzufeuern oder mitzumachen.

Die Kriegsjahre 1914-1918 setzten auch diesem Treiben zunächst ein Ende, nach Kriegsschluß ging es aber umgehend weiter. Inzwischen tatkräftig unterstützt von Schützen, Sportlern und anderen Vereinen, wird das Tonnenrennen seitdem als Dorffest fröhlich gefeiert. Niederkassel war als Stadtteil längst zu Düsseldorf eingemeindet, die mittlerweile entstandene wackere Tonnengarde schmückte das Rennen mit jecken Umzügen und Aufmärschen und organisierte selbstverständlich auch Kostümfeste und Kappensitzungen. Ab 1934 sang man mit der Tonnengarde obendrein das von Willi ScheEfer gedichtete „Tonnelied". Erstmals war das Lied 1938 über den Kölner Rundfunk im ganzen Rheinland zu hören, als sich die Redakteure aus der Domstadt nach Niederkassel begaben, um ausführlich über das Tonnenrennen zu berichten.

Der Zweite Weltkrieg erlegte natürlich auch der Tonnengarde erneut eine Zwangspause auf, und erst 1948, als die Gemütsmischung zwischen Hoffen und Bangen mehr und mehr zum Positiven tendierte, fand wieder ein Rennen statt. Der Chronik nach wollte man dann, als 7949 nach zehn Jahren närrischer Hoheitslosigkeit mit Kurt Schüring und Anneliese Roland ein neues Prinzenpaar gekürt wurde, in Niederkassel auch nicht auf die jecke Repräsentanz verzichten, und so kürte der damalige Präsident Hermann Menke mit Heinrich Orths und seiner Bäuerin Anna das erste Tonnenbauernpaar. Als Zeichen der närrischen Würde wurden eine mit Bronze bestrichene Jauchekelle am Besenstiel auserkoren und der blaue Kittel mit kariertem Halstuch, das mit einer Kartoffel verziert ist, als Uniform getragen. Die saubere wisse Box is e Zeiche doför, dat Boote sich fein ze mache wesse. Natürlich hatten die Jecken in der Stadt den notwendigen Humor und die erforderliche Ehrfurcht vor dem brauchtums-selbständigen Niederkassel, so daß - bis auf den heutigen Tag - die Tollitäten mit ihrem Gefolge anläßlich der Bauernkürung und des Tonnenrennens einen regelrechten Staatsbesuch abstatten. Manch einer erfährt bei diesen Gelegenheiten, daß Karneval doch etwas mit Bodenständigkeit und Urwüchsigkeit zu tun hat und dat mer met Klompe an de Fööß jenau so schon fiere kann wie mit die feine Lackschöhkes.

Nach Hermann Menke erwarb sich Fritz Kriegleder als Präsident von 1955 bis 1971 große Verdienste um die Tonnengarde. Danach schwang bis 1997 mit Peter Steinhauer ein weiteres Niederkasseler Urgewächs die närrische Pritsche und sorgte mit spitzbübischem Humor und närrischer Bauernschläue dafür, daß die Tonnengarde das ist, was sie heute ist: ein wichtiger unH xhillcrndcr Stein im Mosaik des Cle„amtbilulcs aller Düs,cldurfer Karnevalsvereine. Natürlich wurde auch ihm, der immerhin 25 Tonnenbauernpaare kürte, 25 Tonnenrennen gestaltete und bei 25 Rosenmontagszügen seine ßlümscher in die närrische Menge warf, die Würde des Ehrenpräsidenten zuteil.

Mit ihrem neuen Präsidenten Karlheinz Wahle, der zum 100jährigen Jubiläum als Kalte I. mit seiner Frau Margit die Jauchekelle schwang, ging die Tonnengarde in das 111. Jahr, und auch er hat, wie sein Vorgänger als Landwirt, mit der ruchbarcn Flüssigkeit zu tun, ist er doch Inhaber eines Handwerksbetriebes für sanitäre Installationen. Auch Kalle Wahle weiß, und das mit der Erfahrung von 24 Karnevalsjahren, die er in der Prinzengarde der Stadt Düsseldorf sammeln konnte, daß altes und überliefertes Brauchtum sorgsam gehütet und erhalten werden muß, jedoch auch zeitgemäßer Pflege bedarf. Gleich im zweiten Amtsjahr setzte er mit den Vorstandsmitgliedern Peter Fontes, Jürgen Boos, Gerd Kohl und Dieter Acker einen Meilenstein in der Vereinsgeschichte und kürte mit Andre Verheycn und Nadja Kurka eines der jüngsten Tonnenbauernpaare, um den jungen Menschen der Stadt zu zeigen, daß Karneval nicht nur eine Sache für ältere Leute ist, und stellte mit der Devise „Junges Gemüse braucht der Karneval" auch die Weichen für einen dynamischen Start in das neue Jahrtausend. Bleibt zu erwähnen, daß ein in jeder Session gekürtes Kinder-Tonnenbauernpaar, das eine quirlige Rasselbande von derzeit etwa 30 jecken (vereinseigenen) Blagen regiert, die deftige Repräsentanz aus Niederkassel abrundet.